Antisemitismus ist Gegenwart: Wann wird aus Erinnerung endlich Widerspruch?
Antisemitismus ist kein Kapitel der Vergangenheit. Er ist Gegenwart. Er zeigt sich in Beschimpfungen und Bedrohungen, in Angriffen auf jüdische Menschen und Einrichtungen, in Verschwörungsmythen, in der Relativierung des Holocaust und in dem Versuch, Geschichte umzudeuten. Auch Brandenburg ist davon betroffen.
Doch was geschieht, wenn Erinnern allein nicht mehr genügt? Wenn historisches Wissen zwar vorhanden ist, antisemitische Vorurteile aber trotzdem fortbestehen? Und wie muss Bildungsarbeit aussehen, die nicht nur über den Holocaust informiert, sondern Menschen tatsächlich befähigt, Antisemitismus zu erkennen und ihm entgegenzutreten?
Über diese Fragen spricht Kai Diekmann, Vorsitzender des deutschen Freundeskreises von Yad Vashem, am 16. September ab 19.00 Uhr im Langen Stall im Kreativquartier Potsdam (Halle), Neue Plantage 6. Im Gespräch mit Sabine Schicketanz, Mitglied der Chefredaktion des Tagesspiegel und Chefredakteurin der Potsdamer Neuesten Nachrichten, geht es um die Arbeit der israelischen Holocaust-Gedenkstätte – und um die entscheidende Frage, welche Verantwortung daraus für die Gegenwart erwächst.
Denn die Erinnerungskultur steht vor einer neuen Herausforderung. Zeitzeugen werden weniger, historische Distanz wächst. Gleichzeitig werden antisemitische Narrative über soziale Medien in kürzester Zeit verbreitet, der Holocaust wird relativiert oder instrumentalisiert. Erinnerung droht dort wirkungslos zu werden, wo sie nicht in Haltung und Handeln übersetzt wird.
Diekmann bringt die Herausforderung auf den Punkt: „Bildungsarbeit zu Antisemitismus darf nicht beim Blick zurück stehenbleiben. Sie muss dazu beitragen, Antisemitismus in der Gegenwart zu erkennen und Menschen zum Widerspruch zu befähigen.“
Genau hier setzt Yad Vashem an. In München entsteht derzeit ein Bildungszentrum der israelischen Holocaust-Gedenkstätte – das erste außerhalb Israels. Eine Außenstelle des künftigen Zentrums ist zudem in Leipzig geplant. Es geht damit nicht allein um die Bewahrung der Erinnerung. Es geht um die Frage, welche Lehren aus der Geschichte für das gesellschaftliche Zusammenleben von heute gezogen werden.
Erinnern, aufklären, handeln: Der Titel des Potsdamer Talks ist deshalb mehr als eine Veranstaltungsüberschrift. Er beschreibt eine Verpflichtung. Wer weiß, wohin Antisemitismus führen kann, darf nicht schweigen, wenn er ihm begegnet.
Veranstaltet wird der Abend vom Projekt „Besser begegnen“ der Potsdamer Bürgerstiftung. Das Projekt will Menschen für Antisemitismus und Diskriminierung sensibilisieren, Wissen vermitteln und Räume für Austausch und konkretes Handeln schaffen. Dazu gehören unter anderem Exkursionen und Workshops mit Schülern sowie ehrenamtliche Pflegearbeiten auf dem Jüdischen Friedhof Potsdam. Gefördert wird „Besser begegnen“ von der Deutschen Postcode Lotterie.
Der Potsdamer Abend dürfte damit weit über die Frage hinausweisen, wie Holocaust-Gedenken heute aussehen kann. Im Kern geht es um etwas Unbequemeres: Was tun wir, wenn Antisemitismus vor unseren Augen geschieht?
Denn Demokratie und Erinnerungskultur bewähren sich nicht bei Gedenkreden. Sie bewähren sich im Alltag – dort, wo jemand widerspricht, wenn Judenfeindlichkeit verharmlost wird. Dort, wo historische Fakten gegen Geschichtsverdrehung verteidigt werden. Und dort, wo Schweigen nicht länger als Neutralität missverstanden wird.






