Zu hohe Krankenkassenbeiträge: Maßschneidermeister Rudi Pietzke gibt Geschäft in Blankenfelde auf
Fast 50 Jahre lang hat Rudi Pietzke für zufriedene Kunden aus der Region genäht. Nur ein Jahr vor dem großen Jubiläum ist wegen der Kosten für die Krankenkasse Schluss damit.
„Nur noch ein paar Tage, dann ist Schluss!“, sagt Rudi Pietzke und setzt sich lächelnd an seiner Nähmaschine auf. „Mittwoch wird ausgeräumt“, schiebt er hinterher.
Das hörte sich vor ein paar Wochen noch ganz anders an: Der 77-Jährige, der 2027 sein 50-jähriges Betriebsjubiläum hätte, bekam kürzlich von seiner Krankenversicherung eine saftige Beitragserhöhung mitgeteilt, sodass ihn der Mut zum Weitermachen verließ. „Lust hätte ich auf jeden Fall noch, habe Kunden und kann auch noch arbeiten, aber solche Kosten spielt das kleine Geschäft nicht mehr ein“, sagte er da. Inzwischen hat er sich augenscheinlich mit dem Umstand des ohnehin ungewöhnlich späten Renteneintritts abgefunden – und ihm gute Seiten abgerungen. Und das, obwohl sein Sohn einen Kompromiss mit der Versicherung gefunden hat.
Mit Rudi Pietzke verschwindet auch die letzte „Maß- und Änderungsschneiderei“ in Blankenfelde. Die Kunden des Geschäfts, das sich seit 2017 in einem Raum hinter dem Friseur in der Bahnhofstraße befindet, kommen aus dem Raum Blankenfelde, Mahlow, Rangsdorf und Berlin. Kürzlich auch mal aus Schottland. Fast alle halten ihm seit Jahren, manche seit Jahrzehnten die Treue.
Von Grund auf das Handwerk erlernt
Rudi Pietzke hat sein Gewerk von der Pike auf gelernt. Knifflige Änderungswünsche, fast unmöglich scheinende Flickarbeiten an Hosen, Kürzen von Oberhemden, immer wieder Jeans mit kaputten Taschen oder Sakkos mit zu langen Ärmeln hängen in seinem Schrank und werden bis zum vereinbarten Termin fachkundig „verarztet“. Bei kleinen Preisen. Neuanfertigungen übernimmt er nicht mehr. Die lohnten sich nicht, bei den Textilpreisen. Das sah zu DDR-Zeiten anders aus. Damals überwogen Arbeiten für neue Kleider, Hemden, Anzüge oder Hosen. Glücklich, wer einen schicken Schnitt – vielleicht aus dem Westen, – bekommen hatte.
Rudi Pietzke konnte aus den Stoffen alles zaubern: „Aus dem bisschen, was wir hatten, haben wir Gold gemacht“, erklärt er. Auf einen Maßanzug musste man schon mal ein halbes Jahr warten, es gab gut zu tun. Die Wende war ein Schnitt: deutlich weniger Aufträge, vorgelegte Stoffe seien oft „Mist“ gewesen, „Hauptsache billig und schnell“, so sein Fazit. Auch daraus nähte der Spezialist mit einem tränenden Auge das Gewünschte. Selbst als es nach der Wende viel neues Zubehör für das Schneiderhandwerk zu kaufen gab, in Pietzkes Werkstatt überwog die klassische Ausstattung. Vieles sehr betagt, gut gepflegt, 100 Prozent zuverlässig und gebräuchlich. Wie die schwere Industrienähmaschine, die Veritas-Haushaltsnähmaschine, das Dampfbügeleisen, Scheren in allen Größen und Formen und Nähgarne und-seiden in allen möglichen Farben, dazu Flicken, Knöpfe, Reißverschlüsse, Nadeln, Stecknadeln und vieles mehr. Dass der Jugendliche Rudi Schneider werden wollte, stand für ihn früh fest: „Mein Vater konnte alles: Nähen, stricken, häkeln, malen. Und kannte sich mit Meeresbewohnern aus, er hatte den Fischladen in Blankenfelde“. Mit 14 trennte Rudi Pietzke eine Hose auf und nahm sie als Schnitt für seine erste Maßhose – aus einer alten Plane. 1956 ging er für drei Jahre in die Lehre in der Raabestraße, wurde Maß- und Uniformschneider. Zunächst in Mahlow angestellt, dann im elterlichen Haus in der Feldstraße in Blankenfelde als Selbständiger. 1982 mit Meisterbrief bildete er Lehrlinge aus. Genügend Kunden gab es immer, auch für Uniformen am Kasernenstandort Blankenfelde: Dicke, dünne, hochdekorierte Offiziere ließen sich „benähen“. Generaloberst Baumgarten, bis 1989 zweithöchster Militär in der DDR, stellte sich mit einem Citröen aus Strausberg in der Feldstraße ein, nachdem tags zuvor seine Mitarbeiter die Gegend „begutachtet“ hatten. „Da haben die Nachbarn jedes Mal Bauklötze gestaunt“, erinnert er sich lachend.
Besonders gern hat der Schneider das Kinderballett von Antje Funke eingekleidet, jedes Jahr thematisch neu. Seit 1975 war der heute in Rangsdorf Beheimatete als „Regimentsschneider“ für die Soldaten beim Siegesfest in Großbeeren im Biwak dabei. Das bereitete ihm immer viel Vergnügen, doch dieses Jahr gab es erstmals keine Einladung von dort. Dinge ändern sich. Seine Veritas, der Arbeitstisch und die Umkleide wird ein kongolesischer Arzt, der an der Charité arbeitet, in seine alte Heimat bringen. „Dort schätzt und braucht man so haltbare Sachen noch“, weiß der Schneider.
Rudi Pietzke wird ab Oktober öfter als Zuschauer beim Fußball und Handball in Rangsdorf dabei sein. Und viel mehr Fahrradfahren als heute, wo ihn der Weg dreimal wöchentlich von Rangsdorf in die Blankenfelder Bahnhofstraße führt. Man müsse auch aufhören können, philosophiert er. Auf alle Fälle will er bleiben, wie er ist – offen, fröhlich und optimistisch. Und wer weiß, „nach einer Weile kribbelt`s mich vielleicht wieder in den Fingern. Denn das Nähen bleibt mir ja!“.






