35 Jahre Blickpunkt: Zwischen Treuhand und „Go Trabi Go“
1991 ist für die Menschen im Land Brandenburg, wie in allen neuen Bundesländern, ein Jahr voller Unsicherheit. Während im Radio Bryan Adams‘ „Everything I Do (I Do It For You)“, „Beinhart“ von Torfrock, „Joyride“ von Roxette, „Ice Ice Baby“ von Vanilla Ice oder das damals allgegenwärtige „Wind of Change“ von den Scorpions laufen, bestimmen Massenarbeitslosigkeit und das Verschwinden der Industrie den Alltag. Die Treuhandanstalt privatisiert oder schließt tausende ehemalige Volkseigene Betriebe (VEB) im Eiltempo – und das ungeachtet der Tatsache, dass am 1. April der Treuhandchef Detlev Rohwedder in Düsseldorf von der RAF erschossen wird.
Protest auf der Straße
Die Angst vor einem globalen Konflikt treibt nach dem Ausbruch des Zweiten Golfkriegs Anfang des Jahres die Menschen zu Zehntausenden zu Friedensdemonstrationen auf die Straße. Demonstriert wird auch für den Erhalt des Jugendradios DT 64, dessen Frequenzen zum Jahresende an neue Sender übergeben werden sollen. Der Protest hat Erfolg: Aus dem Sender geht 1993 schließlich Radio Fritz hervor.
Berlin wird Hauptstadt
Mit dem offiziellen Inkrafttreten des Zwei-plus-Vier-Vertrages am 15. März erhält das vereinte Deutschland, und damit auch der Osten, seine völkerrechtlich vollständige Souveränität. Nach einem langen Ringen stimmt der Bundestag am 20. Juni dafür, den Regierungssitz von Bonn nach Berlin zu verlegen – eine Entscheidung, von der auch das Land Brandenburg profitiert. Am 2. September beginnt am Berliner Landgericht der erste Mauerschützen-Prozess gegen vier ehemalige DDR-Grenzsoldaten, die für den Tod des Flüchtlings Chris Gueffroy im Jahr 1989 verantwortlich gemacht werden. Im September kommt es zu tagelangen rechtsextremen Ausschreitungen im sächsischen Hoyerswerda. Auch im Land Brandenburg flammt die rassistische Gewalt massiv auf. Derweil beschäftigt auch die Zukunft der Stasi-Akten die Menschen. Das gesamte Jahr über wird politisch um den Umgang mit den Hinterlassenschaften des Ministeriums für Staatssicherheit gerungen. Dies mündete im Dezember im Stasi-Unterlagen-Gesetz, das es Bürgern ab 1992 erstmals ermöglicht, Einsicht in ihre Akten zu nehmen. Die brandenburgische Hochschullandschaft wird 1991 mit der Gründung der Universität Potsdam, der TFH Wildau, der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus, der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) neu gestaltet.
Der letzte Trabant
Am 30. April läuft der letzte Trabant 1.1 vom Band. Während der Wunsch der Menschen nach Westautos auch von fliegenden Händlern bedient wird, die oft auch defekte Fahrzeuge im Angebot haben, ist es eine gute Zeit für entstehende Gebrauchtwagenhändler. Überhaupt wandelt sich das Einkaufen grundlegend. Statt Schlangestehen gibt es schlagartig ein Überangebot an Produkten. Gleichzeitig führte das Sterben der traditionellen Dorfkonsums und der rücksichtslose Verdrängungswettbewerb der West-Ketten zu ersten großen Existenzängsten im Einzelhandel. Aldi Nord entwickelt mit eilig hochgezogenen Flachbauten oder umgebauten DDR-Kaufhallen ein flächendeckendes Filialnetz. Auch Lidl, Plus, Penny, Spar, Edeka, Rewe und Kaufland erschließen sich den Osten als Vertriebsgebiet. Einkaufen geht jetzt aber auch per Katalog. Bei Quelle, Otto oder anderen Anbietern gibt es Markenklamotten, die Status und West-Identität verkörpern sollten. Angesagt ist es, Strickpullover, Sakkos und Jacken bewusst ein bis zwei Nummern zu groß zu tragen. Schulterpolster in Blusen, Sakkos und Kleidern im Alltag sind allgegenwärtig. Zeitgleich entwickelt sich die Bomberjacke zum Streetwear-Symbol und wird von Techno-Fans bis zur Hip-Hop-Szene getragen. Dazu sind gerade bei jüngeren Menschen klobige Boots angesagt, aber auch Schnürboots wie Doc Martens. Breite Haarbänder, bunte Samt-Scrunchies und auffällige Plastik-Ohrringe prägen das Bild bei den Frauen.
Neue Technik, neue Sender
In vielen Wohnzimmern stehen neue Farbfernseher, HiFi-Anlagen und Spielekonsolen wie das SNES. Auf der Internationalen Funkausstellung wird in Berlin erstmals die MiniDisc präsentiert. Im Frühjahr startet auch das D-Netz und damit das Mobilfunkzeitalter, auch wenn die ersten Mobiltelefone teuer und klobig sind. Im Radio ist Antenne Brandenburg das wichtigste Regionalprogramm für das Land. West-Berliner Sender zu hören, gehört aber für viele dazu: vor allem SFB, RIAS und der Jugendsender Hundert,6. Im Lauf des Jahres wird der Staatsvertrag zur Gründung einer eigenen Brandenburger Landesrundfunkanstalt beschlossen, der als Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg (ORB) im Sommer und Herbst unter Hochdruck in Potsdam-Babelsberg aufgebaut wird. Im Fernsehen beginnt der Aufstieg der Privatsender. Das Glücksrad auf RTL plus ist ein echter Quotenbringer. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hält mit Shows wie „Lass Dich überraschen“ mit Rudi Carrell oder dem unangefochtenen „Wetten dass..?“ dagegen. Die Abschiedssendung von Thomas Gottschalk am 2. März sehen 16 Millionen Zuschauer.
Kevin und Terminator
Wer selbst bestimmen möchte, was auf der Mattscheibe flimmert, kann sich auch in den wie Pilzen aufploppenden Videotheken bedienen. Dort landen aktuelle Blockbuster aus dem Kino wie „Der mit dem Wolf tanzt“, „Kevin – Allein zu Haus“, „Robin Hood – König der Diebe“, „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“, „Das Schweigen der Lämmer“, „Die nackte Kanone 2½“, „Kuck‘ mal wer da spricht 2“, „Kindergarten Cop“ oder „Highlander II – Die Rückkehr“. Deutsche Produktionen sind im Kino ebenfalls durchaus erfolgreich. Die beiden innerhalb weniger Wochen erscheinenden Filme „Manta“ und „Manta Manta – Der Film“, die nicht nur wegen der Mantawitze voll im Trend liegen, sind nicht die einzigen, die Autos in den Fokus stellen. Die Nachwende-Komödie „Go Trabi Go“ tut das auch. Loriots zweite Komödie „Pappa ante Portas“ lockt ebenfalls viele ins Kino. Gelacht wird auch über Otto Waalkes, Diether Krebs mit der Sketch-Reihe „Sketchup“, Hape Kerkeling, Dieter Hildebrandt und Wolfgang Stumph.





