35 Jahre: Ludwigsfelde war 1991 noch eine Stadt ohne echtes Zentrum
Ludwigsfelde steckte 1991 noch in den Kinderschuhen. Das Jahr brachte massive Veränderungen mit sich – sowohl bei Arbeitsplätzen als auch gesellschaftlich.
1991 war das Leben in Ludwigsfelde noch ein gänzlich anderes. Das war zum Beispiel im Stadtbild sichtbar. Statt eines Stadtzentrums gab es damals lediglich eine alte Baracke, in der der Rat der Stadt untergebracht war. Ludwigsfelde hatte somit noch nicht einmal einen erkennbaren Mittelpunkt – ganz im Gegensatz zu heute. Auf der Potsdamer Straße gab es unter der Autobahnbrücke nur Platz für zwei Fahrspuren sowie einen Durchlass für Fußgänger und Radfahrer – es war „das Nadelöhr von Ludwigsfelde“, wie sich Helga Wunderlich vom Ludwigsfelder Geschichtsverein erinnert.
Arbeit
Die Unterschiede waren im gesellschaftlichen Leben natürlich deutlich präsenter. Über Jahrzehnte war das IFA-Werk die treibende Kraft hinter vielen Entwicklungen und Angeboten in der Stadt. Doch am 17. Dezember 1990 war der letzte W50 vom Band gerollt. Mit der im selben Jahr erfolgten Umwandlung des VEB IFA-Automobilwerke Ludwigsfelde in eine GmbH musste daher auch darüber nachgedacht werden, wie es weitergehen sollte – und das nicht nur in Hinsicht auf die Arbeitsplätze. Die Angst um deren Verlust waren überall ein Gesprächsthema, sagt Wunderlich. „Wenn man sich traf, fragte man immer: Haste noch Arbeit?“, beschreibt sie die damalige Situation. Ende Juni 1991 kam es dann schließlich auch zu den befürchteten Massenentlassungen im Autowerk.
Zugleich begann in dem Jahr die Produktion des Transporter LN 1 und des Großtransporters LN 2 bei Mercedes-Benz. Auch bei anderen Arbeitgebern gab es Veränderungen: Am 1. April wurde das Ludwigsfelder Presswerk Teilbetrieb der Thyssen Umformtechnik + Guss GmbH und am 1. Juli wurde die MTU Ludwigsfelde GmbH gegründet.
Kultur
Das Ende des früheren Automobilwerks stellte die Stadt vor ein Problem. Dort waren nicht nur bislang tausende Menschen beschäftigt. Vor allem wurden auch viele soziale und kulturelle Angebote durch den bis dahin größten Betrieb in der Stadt finanziert: von der Kita über Zirkel und Arbeits-
gemeinschaften im heutigen Klubhaus inklusive Personal. „Alles hing in der Luft“, so Wunderlich. Zum 1. Juli gab es mit der vertraglichen Übergabe des Hauses an die Stadt jedoch eine Lösung, die bis heute Bestand hat.
Weitere Anfänge und Enden
Die Umbrüche im Jahr reichten in alle Bereiche hinein – mit neuen Angeboten einerseits und dem Ende andererseits. So eröffnete Ende Januar die Sozialstation Ludwigsfelde des Johannischen Sozialwerks e.V. im ehemaligen AWG-Gebäude im Anton-Saefkow-Ring/Ecke Potsdamer Straße. Während am 21. März die erste „SPAR“-Kaufhalle in Ludwigsfelde an der Potsdamer Straße/Ecke Ernst-Schneller-Straße eröffnete, wurde im selben Monat die „Exquisit“-Verkaufsstelle in der Straße der Jungen Pioniere geschlossen. Ebenfalls im März wurde in der Walter-Rathenau-Straße eine Filiale der Raiffeisenbank Zossen eröffnet. Anfang April wurde dann das altbekannte Gartenrestaurant „Waldfrieden“ in Struveshof nach dem Wiederaufbau neueröffnet.
Zum 1. Juli wurden 2.000 neue Fernsprechteilnehmer freigeschaltet. Ende September wurde die HO-Kaufhalle „Flink-Fertig“ in der Erich-Weinert/Ecke Rosa-Luxemburg-Straße geschlossen. Im Oktober wurde in der Sparkassenzweigstelle Karl-Liebknecht/Ecke Erich-Weinert-Straße der erste Geldautomat in Betrieb genommen, während im Laufe des Jahres die Betriebssparkasse im Autowerk geschlossen wurde. Weiterhin wurde 1991 die Brunnen-Buchhandlung eröffnet.
Bildung
Für die Schullandschaft in Ludwigsfelde gab es vor 35 Jahren eine grundlegende Neuordnung. Im August zog ein Gymnasium in die ehemalige Oberschule I ein, und die ehemalige erweiterte Oberschule wurde zur Grundschule 1. Dazu wurden in Ludwigsfelde weitere vier Grundschulen, eine Realschule, eine Gesamtschule und eine Förderschule eingerichtet. Zum 1. Oktober nahm dann auch die Ludwigsfelder Musikschule ihren Betrieb auf und schloss eine weitere Lücke, die durch den Wegfall der vom Werk finanzierten Angebote gerissen worden war. Auch das Pädagogische Landesinstitut Brandenburg (PLIB) in Struveshof, ein Vorgänger des heutigen Libra, wurde 1991 eröffnet.
Neues Vereinsleben
Trotz aller Unwägbarkeiten kehrte im Jahr 1991 auch wieder etwas Normalität ein, wie Hans-Christoph Rieth berichtet, der ein Freund des Geschichtsvereins und in der Lokalgeschichte bewandert ist. Eine Vielzahl von Vereinen wurde entweder 1991 oder kurz davor oder danach gegründet – etwa der gemeinnützige Verein „Märkisches Kinderdorf“ am 13. Juni oder der „Ludwigsfelder Frauenstammtisch“ am 1. Juli. Letzterer lud auch gleich eine Gruppe von zehn Kindern aus Tschernobyl zwischen zehn und zwölf Jahren ein, die im Oktober 1991 bei Gasteltern im Ort untergebracht wurden. Ebenfalls im Oktober kam die erste Mieterhöhung – auf Grundlage der ersten Grundmietverordnung vom 17. Juni des Jahres. Somit blieb stets ein gewisses Unwohlsein, da man „nicht genau wusste, was als Nächstes kommt“, so Rieth.
Der Geschichtsverein hat in seiner Chronik, die auch online verfügbar ist, noch viele weitere prägende Ereignisse des Jahres 1991 sowie darüber hinaus aufgelistet. Außerdem gibt es dort mehrere Publikationen zur Geschichte der Stadt – darunter zwei zur Wende in Ludwigsfelde, aber auch zur Industriegeschichte, zu Sagen, den Ortsteilen und weiteren Themen. All das finden Interessierte auf www.ludwigsfelder-geschichtsverein.de.





